Mama: 'Hast du Lust, mir beim Gemüse schneiden zu helfen?' rebhuhn: 'Nein, Lust nicht.' - Der Beginn einer wohl folgenschweren Entwicklung. - Zunächst: Ich hab' ihr damals natürlich geholfen, obwohl ich [ebenfalls natürlich] keinerlei Lust aufs Schnibbeln hatte. Allerdings bin ich eindeutig dafür, die wahre Intention einer [An]Frage offen zu legen. Immer. [Was ist so schwierig daran, zu fragen: Kannst du mir bitte bei XY helfen?] - Ich erzähle im folgenden als illustrierendes Beispiel in epischer Breite die Geschichte von mir, meinem Geigenlehrer [GL] und dem kleinen Jan.
Mein GL zu mir während einer Unterrichtsstunde im Oktober:
Der kleine Jan möchte auf dem Weihnachtsvorspiel das Bach-Doppelkonzert aufführen, zusammen mit seinem Vater. Du hattest das ja vor kurzem auch erst gespielt... das Stück ist ziemlich riskant, Bach und so... wäre schon besser, wenn du
das mit Jan zusammen spielen könntest. Wenn ich das selbst mache, als Lehrer, ist das ja nicht so gut - lieber zwei Schüler von mir zusammen auf der Bühne.
Ich dann, nachdem ich deutlich gemacht hatte, daß ich dafür eine Reitstunde absagen müßte und eigentlich generell nicht allzu viel Lust dazu habe:
Na gut. Ich mach's.
Klar, daß ich dafür ein bißchen üben mußte: Ich sollte nicht die erste, sondern die zweite Stimme spielen, die ich zwar vom Hören kannte, aber selbst noch nicht gespielt hatte. Hab' ich dann zu Hause auch [relativ gern] gemacht, ist ja ein tolles Stück. Daß ich dann allerdings [m]eine komplette, mich immerhin 4o Euro kostende Unterrichtsstunde mit meinem GL diskutierend über dieser zweiten Stimme verbringe und er am Ende ganz normal abrechnen wollte, fand ich eher semi-cool. Das sagte ich ihm in der Situation denn auch gleich - ich opfer[t]e ja schon Probenzeit zu Hause und kam bis zum Konzert 2-3x extra zum Üben mit Jan in die Schule, und das jeweils nachmittags, während meiner Arbeitszeit!
Meine Argumente aber wurden, mehr oder weniger väterlich-jovial, beleidigt zurückgewiesen. Auch, als ich aufklärte und rational und tatsächlich völlig unemotional versuchte, meine Sicht der Dinge darzustellen. Seiner Meinung nach müßte ich doch dankbar für die zusätzliche Gelegenheit zum Auftreten sein - ähmtja, Weihnachtsvorspiele im Stil von
Jingle Bells von im Schnitt 1o-Jährigen vor der versammelten Elternrunde sind nicht gerade meine Traumvorstellung eines Auftritts... ! Ich versuchte dann, ihm zu vermitteln, daß ja nicht ER MIR, sondern im Gegenteil ICH IHM einen Gefallen täte, indem ich mich bereit erklärt hatte, mit Jan zu proben und das Stück aufzuführen. Mein GL konnte aber absolut nicht zugeben, daß da wohl wenigstens kommunikativ etwas schief gelaufen ist.
Späte Genugtuung für mich: Nach der nächsten Unterrichtsstunde gab er mir von den fälligen 4o Euro 1o wieder zurück mit den Worten:
Da kannst du dir auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein kaufen, ja? Ich würde ja mit dir einen trinken gehen, aber du hast ja eher selten Zeit... Nimm' das mal dafür. Ich bedankte mich artig und überlegte, ob da wohl seine Frau ihm den Kopf gewaschen hatte?...
Das dicke Ende der Story: Am Montag, dem Tag des Vorspiels, das um 17 Uhr beginnen sollte, kam ich pünktlich zur Anspielprobe in der Schule an und freute mich sogar halbwegs auf den Auftritt. Wer war noch nicht da? Der kleine Jan. Na gut, spielte ich mich also allein ein - um mich herum dabei gefühlte 1ooo Kinder zwischen 6 und 12, die umherwuselten und sich auch einspielten oder ihre Eltern mit aufgeregten Fragen nervten und mir vor die Füße rannten.
2o Minuten vor dem Konzert kam dann mein GL zu mir und sagte:
Ich hab' noch 'ne kleine Hiobsbotschaft für dich: der Jan kann nicht spielen, er hat sich am Freitag die Hand verstaucht.
Ich so:
Aha?... Das finde ich aber nicht so cool - dann spielen wir also nicht. Hättest du mir auch ruhig früher sagen können!
Er so:
Doch, klar spielen wir - du hast ja geübt, und die Frau H. [Lehrerin an der Schule, die uns auf dem Klavier begleiten sollte] auch! Ich übernehme dann Jans Part.
Ich so:
??!! Aberaber ... das war doch Jans
Auftritt, und wir sind die drei Erwachsenen, die ihn begleiten... ich führe jetzt doch nicht ein Stück auf, bei dem ich sozusagen die zweite Stimme als Begleitung geübt habe, wenn der Hauptprotagonist nicht da ist!...
[GANZ abgesehen davon, daß ich beim letzten Schülervorspiel mit meinem GL den Bach bereits in der ERSTEN Stimme aufgeführt hatte, weil ich ihn damals für das UniOrchester-Kammerkonzert geübt hatte......... !]
Mein GL mußte dann kurz weg, irgendwas organisieren, und in mir schwärte es. Meine Güte, war ich
sauer!! Aber rummotzen und 'ne Fresse ziehen hilft ja auch mal gar nichts, also suchte ich meinen GL, um ihm final abzusagen. Ich fand ihn aber nicht. Als mein Blick auf Frau H. fiel, erzählte ich ihr alles [bis auf meine Überlegungen] in Kurzform und fragte sie, was sie dazu meint. Ihr erster Kommentar:
Aber dann kannst du ja jetzt nach Hause gehen - hier 1.5h rumzusitzen und dir 'Oh, du fröhliche' anzuhören ist ja nun nicht das richtige in deiner Freizeit, oder?! Da stand mein Entschluß fest.
Ich packte meine Geige ein und suchte [und fand auch endlich] meinen GL. Der war ob meines gepackten Geigenkoffers und der zugeknöpften Jacke untröstlich und kam mir über die Mitleidsschiene - ich würde den ganzen Abend schädigen, dieses Stück wäre doch der Höhepunkt des Vorspiels gewesen, er wäre gerade noch weg gewesen, um für mich zu üben [??!], aber wenn ich unbedingt meinen würde, ihm das kaputt machen zu müssen etc. pp. ... [Da war dann auf einmal klar, daß ich einen Gefallen tue - oder eben auch nicht... *seufz] Es dauerte fast 5 Minuten, dann war es drei nach Beginn und er ist mit traurigem Blick und vorwurfsvollem Handflächen nach außen kehren in den Vorführsaal verschwunden.
Das alles machte mich gleichzeitig noch ungleich wütender UND traurig. Mir fiel es auch tatsächlich sehr sehr schwer, ruhig zu bleiben; und ich war kurz vorm Heulen. Ich hasse solche Situationen; und Leute, die meinen Ansatz gar nicht nachvollziehen können, finde ich super-anstrengend. Die Frau H. bekräftigte meine Entscheidung denn auch und sagte, daß mein GL immer in solche Art Situationen stolpert, natürlich
ohne etwas dafür zu können! ... Es war dann auch ein ziemlich gutes Gefühl, sozusagen selbstbestimmt nach Hause gehen zu können.
Nicht falsch verstehen: Großzügigkeit finde ich sehr wichtig, ganz ohne kommen wir [so insgesamt] vermutlich auch nicht weiter, aber meine persönlichen Grenzen [was geht für mich, was nicht?] ständig zu mißachten, ist auch keine Alternative für mich. Da 'gesund' und aufrecht zu bleiben, fällt mir zunehmend schwer. Obwohl ich von außen betrachtet vermutlich sogar weit weniger zickig und aufbrausend bin als früher. Ich sage eben nur mittlerweile recht deutlich, wenn mir etwas [und vor allem warum!] nicht paßt.
Wie geht es euch in solchen Situationen? Findet ihr meine Reaktion und Meinung übertrieben?
PS: Ich muß ja doch immer wieder lachen, wenn ich solche Rezepte finde:
Rebhuhn mit karamellisierten Äpfeln [kochbar.de]! :D Irgendwann koche ich mich mal selbst.